Mindelheimer Zeitung 13.11.2015: Wenn Teamgeist das Ergebnis verändert

Bei den D-Junioren gewinnt nicht automatisch die Mannschaft, welche die meisten Tore erzielt. Vielmehr entscheidet das bessere Kollektiv. Ein Besuch bei den Mindelheimer Mädchen.

Als die Schlusssirene ertönt, feiern die Verlierer: Gerade eben ging die Partie in der Handball-Bezirksliga der D-Juniorinnen in der Mindelheimer Dreifachturnhalle zu Ende. Die Anzeigetafel zeigt einen knappen 12:11-Sieg der Gäste vom TSV Biessenhofen an. Und doch haben die Mindelheimer Mädchen ein Lachen im Gesicht, während die Trainerin aus Biessenhofen ihren Kolleginnen zum Erfolg gratuliert. Verkehrte Welt?

Nicht ganz. Zwar hat der TSV Biessenhofen die Partie gegen den TSV Mindelheim mit 12:11 Toren für sich entschieden. Gewonnen aber hat letztlich doch der TSV Mindelheim – dank einer Regelung des Bayerischen Handballverbands (BHV). Die besagt nämlich, dass bei Spielen in der Altersklasse der Elf- und Zwölfjährigen nach dem Schlusspfiff auf beiden Seiten die Anzahl der jeweiligen Torschützen zum Ergebnis hinzugezählt werden. Sprich: Der TSV Mindelheim verzeichnet gegen den TSV Biessenhofen sieben verschiedene Torschützinnen. Macht zusammen mit den elf erzielten Toren 18. Da sich die Biessenhofer Tore nur auf drei Torschützinnen verteilten, lautet das Endergebnis 18:15 – für den TSV Mindelheim.

Als die Idee bekannt wurde, herrschte Skepsis

„Als wir das erste Mal von dieser Regel hörten, waren wir zunächst schon sehr skeptisch“, sagt Christina Bail. Zusammen mit Bernadette Deigendesch trainiert sie die Mindelheimer D-Juniorinnen. „Aber jetzt haben wir unsere Meinung geändert“, sagt sie. Und das liegt nicht nur daran, dass ihre Mannschaft diesmal davon profitiert. Es gebe zwar immer noch eine große Leistungsspanne, nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen, aber es gebe eben keine Außenseiter mehr. „Früher haben halt zwei, drei Spielerinnen die Tore geworfen, heute unterstützen sich die Mädchen mehr“, sagt Christina Bail und führt mit den Zwillingen Liv und Raja Müller aus Salgen gleich ein konkretes Beispiel an: „Die beiden haben sich früher im Training um einen Ball regelrecht gestritten. Jetzt spielen sie so gut zusammen, dass sie in der Bezirksauswahl spielen.“

Das bestätigt auch Liv Müller: „Man ist motivierter, wenn man weiß, dass ein Tor zwei Mal zählen kann“, sagt die Elfjährige. Und ihre Schwester ergänzt: „Wenn es einen Siebenmeter gibt, dann ist das kein Problem für mich“, sagt Raja Müller und bestätigt damit einen weiteren Vorteil. „Die Kinder trauen sich mehr und nehmen mehr Verantwortung an. Als Trainerin kann ich auch einmal jemand anderes einen Siebenmeter werfen lassen, als die Stammschützin“, sagt Bernadette Deigendesch.

Genau das ist was, sich der Handballbezirk Alpenvorland von diesem Projekt auch erwartet. Der hat die Idee aus dem Bezirk Ostbayern übernommen – und ist zufrieden. „Wir bekommen fast nur positives Echo von den Trainern“, sagt Thomas Schaumberger. Er ist als stellvertretender Bezirksvorsitzender für die Belange der Jugend zuständig. „Sicher gibt es auch manche Trainer, die etwas angefressen sind, wenn sie wegen dieser Regel ein Spiel verlieren“, sagt er. Doch das komme äußerst selten vor – meistens gewinne nämlich doch die Mannschaft, die auch die meisten Tore erzielt hat, so Schaumberger.

Über eine Ausweitung des Pilotprojekts wird nachgedacht

Viel wichtiger als die Meinung der Trainer ist ohnehin die Akzeptanz der Regelung bei den Kindern und Jugendlichen. „Für die Kinder ist es doch wichtig, wenn sie nach einem gewonnenen Spiel sagen können: ’Ich habe hier meinen Teil dazu beigetragen.’“, sagt Schaumberger. Und wenn es nur ein Tor war, der Torschütze dann aber eben den Ausschlag über einen Punktgewinn gibt. Im Bezirk denkt man gar darüber nach, das Konzept in den jüngeren Jahrgängen zu übernehmen. Das Ziel solle sein, dass die Nachwuchsspieler früh lernen, dass Handball eben ein Mannschaftssport ist. Dass auch ein starker Einzelspieler nur zusammen mit seinen Mitspielern Erfolg haben kann.

Vanessa Maly ist zu einer solchen Spielerin herangereift. Die zwölfjährige Apfeltracherin überragt einen Teil ihrer Mit- und Gegenspielerinnen um einen Kopf, wäre also durchaus in der Lage, ein Spiel allein entscheiden zu können. Ebenso Marina Braun, 12, aus Tussenhausen. Beide spielen mit den Müller-Zwillingen und Tina Twachtmann als Mindelheimer Quintett in der Bezirksauswahl.

Bei Auswahlspielen gilt die Torschützen-Regel zwar nicht, doch ihre Spielweise ändern die Mindelheimerinnen deswegen nicht. „Wenn nur wir zwei die Tore machen, könnte es ja sein, dass die andere Mannschaft gewinnen“, sagt Maly. Und Braun ergänzt: „Es macht ja auch mehr Spaß, weil man mit den anderen zusammen gewinnt.“ Sie hat es bei ihrem früheren Verein anders erlebt: „Da waren wir kein Team, da haben wir uns alle auf eine Person verlassen.“

Das passiert den Mindelheimerinnen in dieser Saison offenbar nicht. Gegen den TSV Biessenhofen, immerhin Tabellenführer der Bezirksklasse 2, haben sie zum wiederholten Mal aufgrund ihres kollektiven Tordrangs eine Partie für sich entscheiden können. Im zweiten Spiel des Tages ist die mannschaftliche Geschlossenheit dann nicht ganz so spielentscheidend. Gegen den TSV Oberstaufen gewinnen die Mindelheimerinnen mühelos mit 22:6 und sind damit dem Spitzenreiter weiter auf den Fersen.

(Quelle: Mindelheimer Zeitung vom 13.11.2015 – http://www.augsburger-allgemeine.de/mindelheim/sport/Wenn-Teamgeist-das-Ergebnis-veraendert-id36067067.html)

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